🚦 Betriebsratsvergütung & Haftungsrisiken: Warum Geschäftsführer jetzt besonders genau hinschauen müssen
Stand: Januar 2026 · Thema: Betriebsratsvergütung, Begünstigungsverbot (§ 78 BetrVG), Organhaftung, Compliance
Die Vergütung von Betriebsratsmitgliedern ist rechtlich heikel – nicht, weil Betriebsräte „zu viel“ verdienen dürfen, sondern weil jede unzulässige Begünstigung
für Unternehmen und Leitungspersonal zu massiven Konsequenzen führen kann. Zwei Entscheidungen sind dabei besonders wegweisend:
der BGH vom 10.01.2023 (6 StR 133/22) und das OLG Frankfurt vom 20.11.2025 (5 U 15/24).
⚖️ Betriebsratsvergütung als Haftungsfalle: Was der BGH 2023 klargestellt hat
Seit der Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom 10. Januar 2023 ist in der Praxis angekommen:
Eine überhöhte Vergütung von Betriebsratsmitgliedern kann – je nach Konstellation – sogar strafrechtliche Risiken (z. B. Untreue) auslösen,
wenn gegen das betriebsverfassungsrechtliche Begünstigungsverbot verstoßen wird.
Wichtig ist dabei der Maßstab: Vergütung darf sich nur so entwickeln, wie sie sich ohne Betriebsratsamt bei vergleichbaren Arbeitnehmern typischerweise entwickelt hätte.
🔗 BGH, Urteil vom 10.01.2023 – 6 StR 133/22:
dejure.org (Volltext-/Fundstellen)
🚫 OLG Frankfurt 2025: Ressortaufteilung und externe Berater schützen nicht automatisch
Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main hat am 20. November 2025 entschieden, dass die außerordentliche Kündigung
eines langjährigen Geschäftsführers eines Nahverkehrsunternehmens wirksam sein kann, wenn dieser an einer nicht gerechtfertigten Höhergruppierung
von Betriebsratsmitgliedern mitwirkt – und dabei zentrale Prüf- und Dokumentationspflichten missachtet.
🔍 Hintergrund: Was im Fall passiert ist
Ausgelöst wurde das Verfahren durch anonyme Hinweise auf Unregelmäßigkeiten. Im Fokus stand eine auffällige Vergütungsentwicklung mehrerer
Betriebsräte bzw. des Schwerbehindertenvertreters. Der gekündigte Geschäftsführer hatte ein Betriebsratsmitglied deutlich höher eingruppiert,
obwohl ein hinzugezogener Rechtsanwalt die „betriebsübliche Vergütungsentwicklung“ gerade verneint hatte und eine Höhergruppierung nur unter engen Voraussetzungen
(u. a. Bestgeeignetenauswahl) für zulässig hielt. Statt diese Voraussetzungen sauber zu prüfen und zu dokumentieren, wurde die Eingruppierung
auf eine Begründung gestützt, die der Rechtsrat ausdrücklich nicht trug.
📌 Kernaussage: „Kardinalpflicht“ – Gesetz und Satzung sind zwingend
Das OLG betont die strikte Bindung der Geschäftsführung an gesetzliche und statuarische Vorgaben – als „Kardinalpflicht“.
Dazu gehört insbesondere das Begünstigungs- und Benachteiligungsverbot des § 78 Satz 2 BetrVG:
Betriebsratsmitglieder dürfen wegen ihres Amts weder benachteiligt noch begünstigt werden.
👀 Gesamtverantwortung: Aus Ressortzuständigkeit wird Überwachungspflicht
Besonders praxisrelevant: Bei horizontaler Aufgabenverteilung zwischen mehreren Geschäftsführern wandelt sich die Leitungspflicht zur
Pflicht der Überwachung des zuständigen Ressortgeschäftsführers. „War nicht mein Ressort“ ist damit kein Freifahrtschein.
In wichtigen Angelegenheiten ist gegenseitige Kontrolle Ausdruck der Gesamtverantwortung.
🔗 OLG Frankfurt a. M., Urteil vom 20.11.2025 – 5 U 15/24:
dejure.org (Fundstellen)
Hessenrecht (Dokument)
🧩 Was gilt arbeitsrechtlich zur Vergütung von Betriebsratsmitgliedern?
Im Arbeitsrecht ist der Leitgedanke klar: Betriebsratsarbeit darf weder Karrierebremse noch Karrierebooster sein.
Die Vergütung muss sich am Vergleich mit Arbeitnehmern orientieren, die eine betriebsübliche berufliche Entwicklung nehmen.
Entscheidend sind saubere Vergleichsgruppen, nachvollziehbare Kriterien und eine lückenlose Dokumentation.
📚 BAG-Rechtsprechung: Vergleichsgruppe, betriebsübliche Entwicklung & Begünstigungsverbot
Das Bundesarbeitsgericht hat die Grundlinien zur Entgeltentwicklung von Betriebsratsmitgliedern in mehreren Entscheidungen konkretisiert.
In jüngeren Urteilen (u. a. vom 20.03.2025) werden u. a. Fragen der Darlegungs- und Beweislast bei Streit über mögliche Begünstigungen behandelt.
- 🔗 BAG, Urteil vom 20.03.2025 – 7 AZR 46/24:
dejure.org
- 🔗 BAG, Urteil vom 20.03.2025 – 7 AZR 179/24:
dejure.org
- 🔗 BAG, Urteil vom 23.11.2022 – 7 AZR 122/22:
dejure.org
- 🔗 BAG, Urteil vom 22.01.2020 – 7 AZR 222/19:
dejure.org
✅ Praxis-Check: So reduzieren Unternehmen das Risiko unzulässiger Begünstigungen
🧾 1) Klare Prozesse für Gehaltsanpassungen
Legen Sie fest, wer prüft, welche Vergleichsgruppen herangezogen werden und wie die Entscheidung dokumentiert wird.
Gerade bei auffälligen Sprüngen (Entgeltgruppe, AT-Einstufung, Bonus/Prämien, Dienstwagen) braucht es eine nachvollziehbare Begründung.
🔎 2) Anlassbezogene Überwachung – nicht „blindes Mitzeichnen“
Sobald Warnsignale vorliegen (Hinweise, auffällige Gehaltsverläufe, interne Audits), besteht praktisch die Pflicht, nachzufragen:
Unterlagen anfordern, Vergleichsgruppe prüfen, Thema in GF-Sitzungen aufrufen. Genau hier setzt die Argumentation des OLG Frankfurt an.
🧠 3) Externer Rechtsrat: Qualität, Vollständigkeit, Unabhängigkeit
Rechtsrat entlastet nur, wenn der Berater vollständig informiert war, die Informationen verarbeitet hat und die Auskunft plausibel ist.
Bei möglichen Interessenkonflikten (z. B. gleichzeitige Beratung von Arbeitgeber und Betriebsratsmitgliedern) ist erhöhte Vorsicht geboten.
📍 Wann sollte ein Anwalt eingeschaltet werden?
Wenn Betriebsratsvergütungen überprüft, angepasst oder rückabgewickelt werden sollen, ist die Fehleranfälligkeit hoch – arbeitsrechtlich wie organschaftlich.
Ein spezialisierter Anwalt für Arbeitsrecht kann helfen,
belastbare Vergleichsgruppen zu entwickeln, Entscheidungen revisionsfest zu dokumentieren und Eskalationen (inkl. Organhaftung) zu vermeiden.
❓ FAQ: Betriebsratsvergütung, Begünstigungsverbot & Geschäftsführerpflichten
1) Dürfen Betriebsratsmitglieder überhaupt Gehaltserhöhungen bekommen?
Ja – aber nur im Rahmen einer Entwicklung, die mit vergleichbaren Arbeitnehmern mit betriebsüblicher beruflicher Entwicklung übereinstimmt.
Betriebsratsarbeit darf nicht dazu führen, dass die Vergütung „stehen bleibt“, sie darf aber auch nicht ohne tragfähige Grundlage über das Übliche hinaus steigen.
Entscheidend sind Vergleichsgruppe, Kriterien und Dokumentation. Gerade bei Sprüngen in höhere Entgeltgruppen ist besondere Vorsicht erforderlich.
2) Reicht es, wenn ein externer Anwalt die Maßnahme „absegnet“?
Nein, nicht automatisch. Externer Rechtsrat kann wichtig sein, entbindet die Geschäftsführung aber nicht von eigener Plausibilitätskontrolle.
Wenn Informationen fehlen oder Warnhinweise erkennbar sind, müssen Rückfragen gestellt und Unterlagen angefordert werden.
Das OLG Frankfurt zeigt: Wer trotz gegenteiliger rechtlicher Einschätzung handelt oder ohne Prüfung dokumentiert, geht ein erhebliches Risiko ein.
3) Was bedeutet „Ressortaufteilung“ für die Verantwortung in der Geschäftsführung?
Eine Ressortaufteilung kann Zuständigkeiten klären, beseitigt aber nicht die Gesamtverantwortung. In wichtigen Themen wandelt sich die Pflicht
zur eigenen Leitung in eine Pflicht zur Überwachung des Ressortverantwortlichen. Das bedeutet: Bei Auffälligkeiten genügt es nicht, „nicht zuständig“ zu sein.
Erwartet werden konkrete Überwachungsmaßnahmen – je nach Anlass und Risiko.
4) Wann droht eine außerordentliche Kündigung eines Geschäftsführers?
Eine außerordentliche Kündigung kommt in Betracht, wenn gravierende Pflichtverletzungen das Vertrauensverhältnis zerstören – etwa durch Mitwirkung an
unzulässigen Begünstigungen oder durch die Behinderung interner Ermittlungen. Das OLG Frankfurt hat in seinem Fall die fristlose Kündigung bestätigt,
weil zentrale Pflichten (Prüfung, Dokumentation, Gesetzesbindung) verletzt wurden. Auch langjährige beanstandungsfreie Tätigkeit schützt dann nicht zwingend,
wenn die Pflichtverletzungen systematisch sind.
5) Was ist der größte „Quick Win“ für Unternehmen, um Risiken zu reduzieren?
Ein standardisiertes, schriftliches Prüf- und Dokumentationsschema für jede relevante Entgeltanpassung bei Interessenvertretern.
Wer Vergleichsgruppen sauber bestimmt, Entscheidungen nachvollziehbar begründet und bei Warnsignalen nachprüft, reduziert Haftungsrisiken deutlich.
Zusätzlich hilft ein klarer Prozess, wer wann einbezogen wird (HR, Compliance, Geschäftsführung, ggf. externer Rat).
So werden Entscheidungen nicht nur rechtssicherer, sondern auch intern besser erklärbar.
Anwalt für Arbeitsrecht & Fachanwalt für Arbeitsrecht
Kündigung erhalten? Fachanwältin für Arbeitsrecht J. Huber ist Ihre Spezialistin für Arbeitsrecht, die es schafft regelmäßig außergerichtlich sowie gerichtlich die bestmöglichen Ergebnisse für Ihre Mandanten zu erzielen. Rechtsanwältin J. Huber aus Düsseldorf steht Ihnen kompetent und effizient zur Seite. Zögern Sie nicht uns unverbindlich zu kontaktieren und Ihren Fall zu schildern.
Unsere Expertise im Arbeitsrecht
Rechtsanwalt für Arbeitsrecht & Fachanwalt für Arbeitsrecht. Wir beraten und vertreten unsere Mandanten im Arbeitsrecht bundesweit. Egal in welcher Stadt. Es ist einfach und unkompliziert. Sprechen Sie uns unverbindlich an!
Hier finden Sie Ihren Anwalt für Arbeitsrecht Düsseldorf & Fachanwalt für Arbeitsrecht
News zum Arbeitsrecht
Compliance Vergütung von Betriebsratsmitgliedern Kündigung vermeiden
🚦 Betriebsratsvergütung & Haftungsrisiken: Warum Geschäftsführer jetzt besonders genau hinschauen müssen Stand: Januar 2026 · Thema: Betriebsratsvergütung, Begünstigungsverbot (§ 78 BetrVG), Organhaftung, Compliance Die Vergütung von Betriebsratsmitgliedern ist rechtlich heikel – nicht, weil Betriebsräte „zu viel“ verdienen dürfen, sondern weil jede unzulässige Begünstigung für Unternehmen und Leitungspersonal zu massiven ...
Equal-Pay Entgelttransparenz Gehalt
Gleiches Gehalt für gleiche Arbeit - EU-Entgelttransparenzrichtlinie (EU) 2023/970 🚨 „Was haben Sie bisher verdient?“ – diese Frage wird für Arbeitgeber künftig nicht nur heikel, sondern kann im Rahmen der neuen EU-Regeln auch teuer werden. Mit der EU-Entgelttransparenzrichtlinie (EU) 2023/970 steht eine der wichtigsten Reformen rund um Equal Pay, ...
Kündigung unwirksam wegen falscher Unterschrift
✍️ Unterschrift unter der Kündigung: Wann „Gekritzel“ die Kündigung unwirksam machen kann Eine Kündigung scheitert nicht nur am Inhalt – manchmal reicht schon ein Formfehler. Besonders häufig unterschätzt: die Unterschrift unter dem Kündigungsschreiben. 🔍 ⚖️ Schriftform bei Kündigung: Was § 623 BGB zwingend verlangt Im Arbeitsrecht gilt für Kündigungen ...
BAG Entfristung Fortbestand altes Arbeitsverhältnis
🔥 Entfristung ist kein Neustart: Was das BAG-Urteil für befristete Arbeitsverträge bedeutet Viele Arbeitgeber – und teilweise auch Tarifregelungen – gehen noch immer davon aus, dass eine Entfristung wie ein Reset wirkt: befristet → entfristet = neue Betriebszugehörigkeit, neue Stufe, neuer Entgeltstart. ❌ Diese Sichtweise ist rechtlich falsch. Das ...
Resturlaub am Jahresende – Verfällt er wirklich
🟦 Resturlaub am Jahresende: Verfällt er wirklich? – Was Arbeitgeber & Arbeitnehmer wissen müssen Resturlaub, Urlaubsverfall und die Frage nach noch offenen Urlaubstagen zum Jahresende beschäftigen jedes Jahr zahlreiche Unternehmen und Arbeitnehmer. Doch der weit verbreitete Irrglaube, dass Urlaub automatisch am 31.12. verfällt, stimmt so nicht. ➡️ Ein Verfall ...
Variable Vergütung für Arbeitnehmer und Arbeitgeber
⚖️ Variable Vergütung 2025: Kürzen erlaubt – oder rechtlich riskant? Viele Arbeitgeber gehen davon aus, dass Boni bei längerer Abwesenheit automatisch gekürzt werden dürfen. Genau hier lauert 2025 erhebliches Konfliktpotenzial. Das Bundesarbeitsgericht hat sich aktuell positioniert – mit spürbaren Folgen für Vergütungssysteme 📌. 💰 Variable Vergütung im Fokus des ...
Unfall & Krankheit – betriebliches Eingliederungsmanagement etc.
🤕 Langfristig erkrankt – wie gelingt der Weg zurück in den Job? Nach einem Unfall oder einer längeren Krankheit stehen viele Arbeitnehmer:innen vor der Frage: Kann und wie kann ich wieder arbeiten? Genau hier setzen zwei wichtige Instrumente des Arbeitsrechts an: das betriebliche Eingliederungsmanagement (bEM) und die stufenweise Wiedereingliederung ...
Arbeitszeiterfassung in Großkanzleien
⏱️ Arbeitszeiterfassung in Großkanzleien: VG Hamburg gegen DLA Piper ⚖️ Das Verwaltungsgericht Hamburg hat entschieden, dass DLA Piper die Arbeitszeiten ihrer Associates und Senior Associates im Hamburger Büro verbindlich erfassen muss (Urt. v. 18.07.2025, Az. 21 K 1202/25). In den zentralen Punkten unterlag die Kanzlei – Berufung ist eingelegt. ...
Volle Entgeltfortzahlung trotz Krankschreibung direkt nach eigener Kündigung
💡 LAG Düsseldorf stärkt erneut den Beweiswert des „gelben Scheins“ 🔎 Volle Entgeltfortzahlung trotz Krankschreibung direkt nach eigener Kündigung (LAG Düsseldorf) 🧑🔧 Der Fall: Kündigung – und kurz darauf die Krankschreibung Ein Elektriker kündigte sein Arbeitsverhältnis selbst. Kurz danach stellte sich heraus, dass seine Kündigungsfrist länger lief als angenommen ...
